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1. Incubation-Workshop "One Health Bildung" - Nachbericht

One Health in der universitären Lehre in Deutschland

Angesichts komplexer gesellschaftlicher Herausforderungen gewinnt disziplinenübergreifendes Denken und Handeln im Sinne des One-Health-Ansatzes an Bedeutung. Für die Umsetzung des Ansatzes ist die enge Zusammenarbeit von Disziplinen und Sektoren notwendig. Zudem müssen Fachkräfte für komplexe Zusammenhänge und integrierte Gesundheitsansätze geschult sein. Für die Vermittlung dieser disziplinenübergreifenden Kompetenzen bildet die universitäre Lehre eine wichtige Säule. Aktuell ist die universitäre Lehre in Deutschland traditionell disziplinär organisiert und vielfach von einem sogenannten „Silodenken“ geprägt. Damit der One-Health-Ansatz erfolgreich umgesetzt werden kann, ist eine interdisziplinäre Lehre langfristig unerlässlich.

In welcher Form der One-Health-Ansatz zum jetzigen Zeitpunkt an deutschen Hochschulen eingebunden wird, was für eine weiterführende Umsetzung notwendig ist und welche Schnittstellen es mit anderen interdisziplinären Ansätzen gibt, dazu begrüßte die One Health Platform verschiedenste Vertreter:innen deutscher Hochschulen sowie interessierte Gäste zum Workshop in Berlin.

Wenn Gesundheit vernetzt ist, muss Lehre vernetzen 

Dass es eine interdisziplinäre Lehre braucht, um die großen Herausforderungen unsere Zeit lösen zu können, stellte Frau Prof. Mirijam Braßler von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel zum Auftakt der Veranstaltung in einem Impulsvortrag dar. Auch die Teilnehmenden lieferten Gründe, warum Interdisziplinarität für One Health wichtig ist (siehe Abb. 1). 

Abbildung 1: Antworten der Teilnehmenden des Workshops, warum Interdisziplinarität für One Health wichtig ist.

Grundvoraussetzung sei die Etablierung einer interdisziplinären Lernkultur an Hochschulen. Dabei sei es wichtig von multidisziplinären Ansätzen (ein Nebeneinander der Disziplinen) hin zu interdisziplinären (gemeinsames, integriertes Arbeiten der Disziplinen) und transdisziplinären Ansätzen (Kombination Wissenschaft und Praxispartner) zu kommen. Herausforderungen bestünden dabei auf organisatorischer Ebene (monodisziplinäre Organisation der Universitäten), Team-Ebene (Bsp. Sprache, Kultur, Lehrende und Studierende) und auch auf individueller Ebene (Bsp. disziplin-basierte Stereotype, Professionszentrismus, Kontrollverlust).

Zudem müsse eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen allen beteiligten Disziplinen angestrebt werden. Erst wenn die jeweiligen Kompetenzen als gegenseitige Bereicherungen verstanden werden, könne interdisziplinäres Lernen gelingen.

Für den Einstieg in interdisziplinäre Lehrformate empfiehlt Frau Prof. Braßler ausreichend Zeit einzuplanen und bewusst niedrigschwellig zu beginnen. So könnten zum Beispiel zunächst kleinere, klar strukturierte Projekte mit einem gemeinsamen Ziel umgesetzt werden. Interdisziplinäre Lernräume entstünden nicht von selbst. Sie müssten von allen Beteiligten aktiv gestaltet und kontinuierlich eingeübt werden. Gelingt dies, böte sich die Chance, dass Studierende langfristig befähigt würden unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen, fachübergreifend zu kommunizieren und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten.

Ausgangslage – aktuelle Integrationsformen von One Health in die universitäre Lehre in Deutschland

An verschiedenen Universitäten in Deutschland bemüht man sich bereits interdisziplinäre Lehrinhalte im Sinne des One-Health-Ansatzes zu integrieren. Dies geschieht in verschieden Formen: von einem eigenständigen Masterstudiengang (Justus-Liebig-Universität Gießen) bis hin zu einem interfakultativen Forschungsschwerpunkt (Universität Greifswald) (siehe Tabelle 1).

Tabelle 1: Beispiele für die Integration von One Health in die Lehre verschiedener Universitäten in Deutschland; die Aufzählung hat nicht den Anspruch auf Vollständigkeit

Hochschule

Form der Lehre

Justus-Liebig-Universität Gießen

Eigenständiger englischsprachiger Masterstudiengang "One Health" (M.Sc.) 

Technische Universität München

One Health als zentrales Leitkonzept der School of Life Sciences; Lehrveranstaltungen in Veterinärmedizin, Ernährungswissenschaften, Umwelt- und Agrarwissenschaften. 

Ludwig-Maximilians-Universität München

Beteiligung an internationalen Lehrformaten wie Global Health Challenges and One Health (JITOHealth) für Master- und Promotionsstudierende. 

Hochschule Coburg

One Health als strategischer Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt verankert; One Health mit Einbindung in Studiengänge der Gesundheits- und Naturwissenschaften

Universität Bonn

Curriculare Verankerung im Masterstudiengang Global Health der medizinischen Fakultät; Universitätsklinikum Bonn existiert ein eigener Fachbereich One Hralth, der Forschung und Lehre verbindet (vor allem AMR); Studierende aus den Bereichen Medizin, Landwirtschaft, Mikrobiologie, Tierwissenschaften und Umweltwissenschaften arbeiten an fachübergreifenden Fragestellungen zusammen

Charité Berlin

Vermittlung von One-Health-Inhalten querschnittsorientiert in folgenden Bereichen: Global Health und Planetary Health, Public Health und Epidemiologie, kein eigenständiges Pflichtmodul, in Masterstudiengängen der Berlin School of Public Health, im Rahmen der Berlin University Alliance

Freie Universität Berlin, Veterinärmedizin

One-Health-Inhalte werden insbesondere in Veterinary Public Health vermittelt; zudem existieren projektbezogene Formate

Humboldt-Universität zu Berlin, Agrar- und Lebenswissenschaften

Vermittlung von One Health über Themen Nachhaltigkeit, Ernährungssysteme, Tierhaltung, Pflanzengesundheit, Umwelt- und Ressourcenschutz; zudem existieren interdisziplinäre Projekte 

Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

One Health besonders sichtbar; u.a. regelmäßige One Health-Tagungen, interdisziplinäre Lehrveranstaltungen; es gibt das Research Center for Emerging Infections and Zoonoses (RIZ); berufsbegleitender Masterstudiengang Veterinary Public Health mit zahlreichen One-Health-Inhalten

Universität Greifswald

 

 

 

 

One Health ist einer der drei interfakultären Forschungsschwerpunkte, woran sich nahezu alle Fakultäten beteiligen; somit deutlich interdisziplinär; kein eigenständiger Bachelor- oder Maserstudiengang, Interdisziplinäre Lehrveranstaltung z.B. Vortragsreihen, Workshops zu One Health

 

Universität Leipzig, Veterinärmedizin

In Bereichen wie Zoonosen, AMR, Infektionskrankheiten, Lebensmittelsicherheit vermittelt; es existieren zudem fakultätsübergreifende Lehr- und Forschungsprojekte zwischen Veterinärmedizin, Medizin und Naturwissenschaften

Universität Hohenheim

One-Health-Inhalte werden in den Agrar-, Ernährungs- und Umweltwissenschaften vermittelt

In den meisten Fällen handelt es sich bei den angebotenen One-Health-Lehrinhalten nicht um einen eigenen Studiengang, sondern um Bestandteile von Modulen zu Zoonosen, Public Health, Lebensmittelsicherheit, Umweltgesundheit oder nachhaltigen Ernährungssystemen.

Beispiele aus der Praxis 

Im Folgenden gaben Vortragende Einblicke in Integrationsformen von One Health an ihren jeweiligen Universitäten.

a) One Health als Wahlpflichtmodul in der Veterinärmedizin

Den Auftakt machte Prof. Dr. Marcus G. Doherr (Freie Universität Berlin), der eine One Health Lehrveranstaltung in der Veterinärmedizin an der FU Berlin kritisch reflektierte. Dabei handelte es sich um eine Wahlpflichtveranstaltung zum Thema One Health, in dem vor allem Themen aus dem Bereich Zoonosen und Wildtierhandel aufgegriffen wurden. Motivation für die Etablierung eines solchen Moduls war eine Stellungnahme der Leopoldina aus dem Jahr 2015 zum Thema Public Health, in der die Veterinärmedizin zunächst keine Berücksichtigung fand. Dies führte zur Erarbeitung eines eigenen Themenblattes, um die Bedeutung der Veterinärmedizin innerhalb des One-Health-Ansatzes und die zahlreichen Schnittstellen der Veterinärmedizin mit dem Öffentlichen Gesundheitssystem stärker hervorzuheben.

In der deutschen Approbationsordnung für Veterinärmediziner:innen wird aktuell der Begriff One Health nicht genannt, weshalb kein explizit dafür zugewiesenes Fach oder Zeitkontingent in der Ausbildung existiert. Aus dem Versuch, dies mit einem Wahlpflichtmodul abzudecken, zog Prof. Doherr die Bilanz, dass die Resonanz bei den Eingeschriebenen zwar gut war, aber dass die fachliche Tiefe oft gering blieb und dass es sich eher um ein multidisziplinäres und nicht um ein interdisziplinäres Angebot handelte. 

Für eine erfolgreiche Umsetzung interdisziplinärer Lehrangebote plädierte Prof. Doherr dafür, dass es einen konkreten Anreiz zur Teilnahme für Studierende geben sollte (z.B. Credit Points). Generell stellte er die Frage in den Raum, ob One Health als eigenständiges Thema in die Lehre aufgenommen werden sollte, als eine postgraduelle Weiterqualifikation oder als Konzept und Begrifflichkeit in alle Bereiche der Ausbildung integriert werden sollte. 

b) Internationaler One Health Masterstudiengang

Im Weiteren stellte Frau Dr. Anna Buch den Infectious Diseases and One Health (IDOH) Masterstudiengang vor. Hierbei handelt es sich um ein internationales zweijähriges Ausbildungsprogramm der Medizinischen Hochschule Hannover, der Universitat Autònoma de Barcelona und der Université de Tours. Das Studienprogramm verfolgt das Ziel, den One-Health-Ansatz in einem strukturierten, interdisziplinären und internationalen Lehrkonzept umzusetzen. Die Idee ist, dass One-Health-Experten nicht erst durch berufliche Erfahrungen entstehen, sondern dass Personen bereits mit One-Health-Kompetenzen aus ihrer Ausbildung entlassen werden.

Pro Jahrgang konnten bis zu 25 Studierende aus unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen und aus verschiedenen Regionen der Welt teilnehmen. Diese internationale und fachübergreifende Zusammensetzung, so Frau Dr. Buch, sei das Fundament des Studiengangs und schaffe ideale Voraussetzungen für interdisziplinäres Lernen und den Austausch unterschiedlicher Perspektiven. Dabei wurden innovative Lehrmethoden zur Wissensvermittlung eingesetzt, darunter Real-Time-Simulationen, Exkursionen sowie Laborsimulationen.  Aufgrund der hohen Kosten ist das Programm auf eine Förderung angewiesen. Aktuell wird daher eine erneute Förderung über die EU mit einer thematischen Erweiterung u.a. um Umweltthemen angestrebt.

c) One Health Professur und Masterstudiengang

Prof. Sascha Knauf bekleidet eine Professur für One Health mit dem Schwerpunkt Internationale Tiergesundheit an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Das diese Professur nur in einem Fachbereich angesiedelt ist (Verterinärmedizin), sei bereits in sich eine Herausforderung. Aber auch der neu an der Universität ins Leben gerufene Masterstudiengang One Health böte einige Hürden, wie er gemeinsam mit Prof. Dr. Dr. Stefan Arnhold herausarbeitete.

Besonders hob Prof. Knauf die Problematik der Kapazitätsverordnung (KapVO) hervor, die an vielen Universitäten einen wesentlichen Fallstrick für interdisziplinäre Lehrangebote darstelle, da sie die Bereitstellung von Lehrveranstaltungen für andere Fachbereiche erschweren würde. Dass es aber einer inter- und transdisziplinären Umsetzung des One-Health-Ansatzes bedarf, verdeutlichte Prof. Knauf am Beispiel des neu aufgebauten Zanzibar Animal Health Research Center (ZAHRC).

Abschließend betonte Prof. Knauf, dass es sich bei One Health um ein Konzept und nicht um eine Disziplin handle. Dementsprechend könne kein Fachbereich alleine One Health in der Lehre umsetzten. Die Umsetzung an Universitäten bedürfe sowohl eines rechtlichen Rahmens als auch einer Strategie, welche durch das jeweilige Präsidium unterstützt werde.

d) One Health Teaching Clinic

Ein anderes Konzept für die Integration von One-Health-Inhalten in die Lehre stellte Prof. Dr. Kerstin Kremer mit dem internationalen Projekt der One Health Teaching Clinic (OHTC) vor. Hierbei handelt es sich um einen ko-konstruktiven Lehr- und Lernansatz für forschendes Lernen, bei dem Forscher:innen ihr Wissen an Lehramtsstudierende weitergeben, welche es wiederum in Lehrinhalte für Schüler:innen übersetzen. Dabei werden sie fachlich und fachdidaktisch beraten. Die OHTC versteht sich als übergeordnetes Dachkonzept, welches im Sinne eines „Train-the Trainer“ Ansatzes ausreichend Flexibilität bietet, um den unterschiedlichen Rahmenbedingungen an Hochschulen und in den einzelnen Bundesländern gerecht zu werden. Bisher konnten so bereits 49 Fachexpert:innen, 317 Lehramtsstudierende und über 1.000 Schüler:innen erreicht werden. Das Projekt wird aktuell über Eigeninitiative und bestehende Kontakte getragen und international über Partnerinstitutionen in der Schweiz, Österreich, Schweden, Spanien und Slowenien ausgeweitet.

e) Studierendenprojekt „Fledermausgesundheit“

Dr. Amelie Lisa Arnecke (Universität Leipzig) stellte ein Studierendenprojekt zum Thema „Fledermausgesundheit“ vor, bei dem One-Health-Inhalte anhand eines konkreten Themas vermittelt werden sollten. An dem Projekt nahmen 20 Studierende der Veterinärmedizin, Humanmedizin, Biologie und Erziehungswissenschaften teil. Die Besonderheit lag in der Entwicklung des Vorhabens durch Eigeninitiative und die Erprobung des Konzeptes in einem kleinen Rahmen. 

Die Evaluation verdeutlichte, dass die Bewältigung von One-Health-Herausforderungen konzeptionelle und kognitive Flexibilität sowie ein Bewusstsein für die Grenzen einzelner Disziplinen erfordere. Ebenso brauche erfolgreiche interdisziplinäre Zusammenarbeit ausreichend Zeit und Raum für den Aufbau von Vertrauen sowie den fachlichen Austausch zwischen den beteiligten Disziplinen. Eine frühe interdisziplinäre Ausbildung könne langfristig die Kompetenzen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit im Sinne des One-Health-Ansatzes stärken.

Für das Projekt selber war eine hohe Eigenmotivation der Teilnehmenden eine Grundvoraussetzung, zudem war eine wesentliche Herausforderung die erfolgreiche Kommunikation zwischen allen beteiligten Akteuren.

Abbildung 2: Teilnehmende des Incubation Workshops am 25.06.2026 in Berlin

One Health im Berufsalltag

Die Beispiele zeigten, wie die Integration von One Health gelingen kann, aber auch wo die Herausforderungen liegen und welche Hürden noch überwunden werden müssen. Argumente, warum das Ziel dennoch nicht aus den Augen verloren werden sollte, und sich die Integration von interdisziplinären Lehrinhalten und Kompetenzen langfristig auszahlen kann, lieferten Dr. Melanie Schweizer (Veterinäramt Jade-Weser) und Dr. Sarah Kotsias-Konopelska (Charité - Universitätsmedizin Berlin). Sie zeigten für ihre jeweiligen Tätigkeitsbereiche auf, wie notwendig eine breite und verstetigte Anwendung von disziplinenübergreifendem Wissen ist.

a) Blick aus der Tiermedizin

Frau Dr. Melanie Schweizer erörterte, dass tiermedizinische Fragestellungen zunehmend im Zusammenspiel mit der Human- und Umweltgesundheit betrachtet werden müssten. Als ein eindrückliches Beispiel führte sie hier die Schafbeweidung auf Deichen an. Hier kämen Fragen des Klimawandels, des Katastrophenschutzes, des Tierschutzes, der Biodiversität und des Infektionsschutzes zusammen. 

Neben dem fachlichen Wissen seien Kompetenzen für die interdisziplinäre Zusammenarbeit und Kommunikation wichtig. Denn nur so könnten komplexe Herausforderungen gemeinsam bewältigt werden.

Abschließend wurde auf die Verbesserung der strukturellen Rahmenbedingungen verwiesen, so sind beispielsweise bestehende Anerkennungssysteme für Fortbildungen, etwa im Rahmen der ATF-Anerkennung, bislang nicht ausreichend auf interdisziplinäre One-Health-Formate ausgerichtet. Hier bestünde Optimierungsbedarf.

b) Blick aus der Humanmedizin

Im Anschluss nahm Dr. Sarah Kotsias-Konopelska den humanmedizinischen Blick ein. Sie hob hervor, dass Medizin zunehmend hochspezialisiert sein, gleichzeitig aber ein breites, interdisziplinäres Systemdenken erfordere. Sie plädierte daher dafür, One Health als eine Art „Grundrauschen“ in die Bildung aufzunehmen, um Mediziner:innen im Berufsalltag dazu zu befähigen, das richtige Bauchgefühl in komplexen Szenarien entwickeln zu können. Hierfür führte sie verschiedene Fallbeispiele an, wie eine Organophasphatvergiftung bei einem Säugling, Wurmübertragungen durch Waschbären, vektorübertragene Erkrankungen oder Antibiotikaresistenzen.

Aktuell gebe es verschiedene Fortbildungsangebote sowie Austauschformate für Kliniker:innen zum Thema One Health  wie z.B. vom European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC), universitäre Weiterbildungsangebote, über die One Health Platform sowie das Netzwerk junge Infektionsmedizin (jUNITE)).

Darüber hinaus plädierte sie für eine frühzeitige Einbindung von One Health in der Bildung bei Kindern und Jugendlichen und schloss sich der Aussage von Prof. Knauf an: One Health sei kein Fach, sondern ein Konzept, dass in jeder Disziplin mitgedacht und als eine Art „Grundrauschen“ mitlaufen sollte.

Blick über den Tellerrand - Synergien mit anderen interdisziplinären Bewegungen

Neben dem One-Health-Ansatz existieren noch weitere Konzepte, die eine interdisziplinäre und ganzheitliche Adressierung von Gesundheitsfragen fordern. Hier sind beispielsweise Planetary Health und Global Health zu nennen. Aufgrund dieser Überschneidungen und daraus resultierenden möglichen Synergien wurden auf dem Workshop auch Initiativen aus diesem Bereich vorgestellt.

a) Planetary Health

Die Etablierung von Planetary Health an der Universität zu Lübeck erörtert Prof. Dr. Thomas Kötter. Auf Basis der Initiative von Studierenden bewarb sich die Universität zu Lübeck 2022 um Bundesmittel für das Zukunftsforum klimafreundliche Hochschulen, woraufhin das Thema „Planetary Health“ im Lehrplan des Medizinstudiums mittels Wahlfaches als „Brückentechnologie“ aufgenommen wurde.

Bei den Inhalten orientierte man sich am Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin 2.0 (NKLM) und den hier benannten Anwendungsbeispielen für Planetare und Globale Gesundheit. In Kooperation mit der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) wurde ein Leitfaden für Lehrangebote zu planetarer Gesundheit entwickelt. 

Das Wahlfach wurde durch Studierendenengagement getragen und ist mittlerweile ausgelaufen. Für eine nachhaltige Integration sei eine Aufnahme als Pflichtveranstaltung essentiell. Auch wenn die Schwerpunktsetzung bei One Health, Global Health und Planetary Health verschieden sei, könnte man Synergien zwischen den drei Ansätzen für die Lehre nutzen.

b) Global Health

Dies zeigte sich auch in dem Vortrag von Frau Dr. Aurélia Souares. Sie gab einen Einblick, wie der One-Health-Ansatz Eingang in die Lehre am Heidelberg Institute of Global Health findet. Grundlegende Voraussetzungen für die Umsetzung seien z.B. der Aufbau einer sektorübergreifenden engen Zusammenarbeit zwischen den drei Sektoren Mensch, Tier und Umwelt, der Ausbildung von „One Health Koordinatoren“, die Brücken bilden können, der Verbesserung des intersektoralen Datenaustausches und der koordinierten Einwerbung von Fördermitteln. 

Das Heidelberg Institute of Global Health bietet DAAD geförderte One-Health-Kurse an aber auch akkreditierte Kurse im Rahmen eines kostenpflichtigen Master of Science in International Health als Teil des TropEd Netzwerkes. Alle Kurse zeichnen sich durch einen fächerübergreifenden Lehrplan und problembasiertes Lernen aus.

Zusammenfassung und Ergänzungen durch die Teilnehmenden

Angeregt durch die vielfältigen fachlichen Impulse widmeten sich die Teilnehmenden in der anschließenden Gruppenarbeit drei zentralen Fragestellungen.

1.Welche Inhalte, Fähigkeiten und Kompetenzen sollten oder müssen in der Lehre vermittelt werden, um dem One Health Ansatz gerecht zu werden?

Ausgehend von den vorangegangenen Vorträgen und den eigenen Erfahrungen der Teilnehmenden identifizierten die Teilnehmenden folgende Kompetenzen und Inhalte, die vermittelt werden sollten: Kommunikations- und Kooperationsfähigkeiten (zielgruppenspezifisch, gewaltfrei, Zielkonflikte erkennen, Respekt, Empathie, aktives Zuhören auf Augenhöhe), Komplexität von Zusammenhängen, Umweltauswirkungen klarer ansprechen und einbinden.

Als Methoden hierfür kämen beispielsweise in Frage: „Train-the-Trainer“: Schulung der Dozierenden zum One Health Ansatz; Einbezug von Simulationsprogrammen um komplexe Zusammenhänge zu verstehen; Praxisnähe/ konkrete Fallbeispiele.

 

Teilnehmende Gruppenarbeit

Teilnehmende bei der GruppenarbeitAbb. 3: Teilnehmende in der Gruppenarbeit

2.Welche Rahmenbedingungen sind für eine Integration von One Health notwendig?

Hier wurden verschiedene Punkte genannt, die zum großen Teil bereits in den Vorträgen Erwähnung fanden. Ein zentraler Punkt ist die nachhaltige Finanzierung von Angeboten (z.B. vom Land). Ein weiterer betrifft die strukturellen Voraussetzungen an den Universitäten (Kooperationsverträge zwischen den Fakultäten, Kapazitätsverordnung prüfen) und übergeordneten Strukturen (Konsens zur Integration bei Fakultätentagen erzielen, Integration des One-Health-Ansatzes in der Studienordnung). Zudem wurde dafür plädiert, sich einen fächerübergreifenden Überblick über bereits existierende One-Health-Inhalte in den existierenden Studieninhalte zu verschaffen, um hier Synergien zu nutzen und Dopplungen zu vermeiden. Lehrende und Studienkommissionen sollten aktiv in den Prozess eingebunden werden.

3.Wie kann die Sichtbarmachung von Angeboten für Studierende gesteigert werden?

Das beste Angebot bringt wenig, wenn es nicht genutzt und nachgefragt wird. Daher beschäftigte sich eine Gruppe mit Möglichkeiten zur Sichtbarmachung von One-Health-Lehrangeboten. Hier wurde die Streuung der Informationen über verschiedene Medien (Universitätswebseiten, Social Media) und Akteursgruppen (Studierendenverbände, Fachschaften) angeregt. Aber auch zentrale Datenbanken von Angeboten sowie Anreize durch Anrechnung von Leistungen, Vorteile durch Netzwerke oder Mentoringprogramme wurden genannt.

Fazit und Ausblick

Die Veranstaltung hat deutlich gemacht, dass es erste gute Ansätze für die Einbindung von One Health in die universitäre Lehre gibt.  Aktuell erschweren die existierenden Rahmenbedingungen jedoch oft eine erfolgreiche Umsetzung interdisziplinärer Lehre. Zudem ist die Einbeziehung von Sozial- und Umweltwissenschaften noch ausbaufähig. Viele Ansätze werden momentan über Eigeninitiative und freiwilliges Engagement getragen. Um One Health nachhaltig in die universitäre Lehre integrieren zu können, braucht es daher eine Verstetigung der Angebote, eine Anerkennung der Leistungen für Studierende und Lehrende sowie eine nachhaltige Finanzierung. 

Hierbei stellt sich die Frage inwieweit Synergien mit anderen Ansätzen wie Planetary Health oder Global Health genutzt werden können, in denen ebenfalls Kompetenzen zum interdisziplinären Denken und Arbeiten relevant sind. Zudem sollten auch „Train-the-Trainier“-Konzepte mitgedacht werden, damit Lehrende ebenfalls befähigt werden, ihre Kompetenzen zum interdisziplinären Arbeiten auszubauen und an die Studierenden weiter zu geben.

Im weiteren Verlauf ist zu betrachten, in welcher Form der One-Health-Ansatz zukünftig in die universitäre Lehre einfließen kann bzw. sollte. Hier könnten die Antworten an unterschiedlichen Standorten verschieden ausfallen. Die One Health Platform ist in jedem Fall bestrebt die Vernetzung zwischen den Einzelinitiativen weiter zu fördern und so den Erfahrungs- und Erkenntnisgewinn zu steigern. Zudem sollen zentrale Fragestellungen der Veranstaltung systematisch weiterverfolgt werden und als Grundlage für die Konzeption einer Folgeveranstaltung im Spätfrühjahr 2027 genutzt werden.