One Health beschreibt einen Ansatz zur gemeinsamen Betrachtung der Gesundheit von Menschen, Tieren und ihrer Umwelt. Diese interdisziplinäre Herangehensweise kann auch in der Krisenkommunikation einen Mehrwert bieten. Warum es sinnvoll sein kann, im Sinne des One Health Ansatzes Krisenkommunikation zu betreiben und welche Herausforderungen dies mit sich bringen kann, wurde im gemeinsamen Onlineworkshop der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen und der One Health Platform am 23. Juni 2026 anhand von drei Fallbeispielen thematisiert.
In der Krisenkommunikation muss es meist schnell gehen. Dennoch kann es von großem Nutzen sein verschiedene Ebenen in der Kommunikation zu beachten und interdisziplinär zu arbeiten. Praktische Fallbeispiele dafür wurden im Workshop geliefert.
Fall 1: Tularämie – interdisziplinäre Zusammenarbeit bei einer facettenreichen Erkrankung
Den Anfang machten Dr. Daniela Jacob und PD Dr. Klaus Heuner vom Konsiliarlabor für Francisella tularensis (Humanbereich) am Robert Koch-Institut (RKI), die den Teilnehmenden Einblicke in Tularämiefälle gaben. Da der Erreger ein sehr hohes Wirtsspektrum aufweist und eine Übertragung auf den Menschen sowohl direkt als auch indirekt über Zecken, Stechmücken oder kontaminierten Staub, Wasser oder Lebensmittel erfolgen kann, sind die möglichen Infektionsszenarien zahlreich. Dies wurde verdeutlicht anhand eines Szenarios, bei dem mehrere Personen nach Verzehr von frischem Weinmost an Tularämie erkrankten. Die späteren Nachforschungen ergaben, dass hier eine infizierte Maus bei der Weinlese mitverarbeitet wurde und dadurch der verzehrte Weinmost kontaminiert wurde.
Aktuell wird eine geographische Ausbreitung des Erregers sowie eine Zunahme der Fälle durch Arthropodenübertragungen in Deutschland beobachtet. Dies hat zur Folge, dass routinemäßige Surveillancedaten nicht mehr alleinig ausreichend sind, um eine gute Fallaufklärung und Fallprävention zu betreiben. Vielmehr wird perspektivisch die interdisziplinäre Zusammenarbeit in Form einer engen Kommunikation von Gesundheits-, Veterinär- und Umweltbehörden an Bedeutung gewinnen, um eine effektive Kontrolle und Prävention gewährleisten zu können.
Fall 2: Tollwut bei Fledermaus – wissenschaftlich fundierte Krisenkommunikation gegen Panikmache
Wie schnell die Berichterstattung über ein Infektionsgeschehen in die falsche Richtung gehen kann, erörterte Dr. Amelie Arnecke von der Universität Leipzig. Im Rahmen eine Studierendenprojektes zur Fledermausgesundheit in Deutschland erreichte die Uni Leipzig der Totfund einer Wasserfledermaus (Myotis Daubentonii), die positiv auf Fledermaus-Lyssavirus Typ 2 (EBLV-2) getestet wurde. Problematisch hierbei war der Fundort der Fledermaus: eine Kindertagesstätte. Dies hatte eine großes mediales Interesse und eine große Verunsicherung bei den Eltern zur Folge, deren Kindern die Einrichtung besuchten und nun fürchteten, ihr Kind könne sich mit Tollwut infiziert haben. Dr. Arnecke betonte die große Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit von Naturschutz, Forschung, Veterinärbehörden und Gesundheitswesen in der Behandlung eines solchen Falles. Zudem müsste das Bedürfnis der Eltern nach einer präventiven Kommunikation und die Macht Sozialer Medien bei der Verbreitung von selektiven bzw. Falschinformationen in einem solchen Fall beachtet werden. Aus Sicht der Wissenschaft seien Beratungsstrukturen für die Unterstützung bei solch einer situativen Krisenkommunikation wünschenswert. Denn trotz Bedenken von Wissenschaftler:innen in Hinblick auf Anfeindungen sei eine Kommunikation von wissenschaftlich fundierten Informationen unerlässlich um unnötige Panikmache zu vermeiden. In dem beschrieben Fall infizierte sich nämlich tatsächlich kein Kind an der gefundenen Fledermaus.
Fall 3: EHEC Ausbruch – interdisziplinär alle Kommunikationsebenen bespielen
Insbesondere bei Infektionsgeschehen, die einen heterogenen Personenkreis betreffen, ist die Kommunikation und die Fallbehandlung oft auf vielen Ebenen komplex. Dies wurde im Workshop anhand der unaufgeklärten EHEC (Enterohämorrhagische Escherichia coli) -Fälle, die 2025 in Mecklenburg Vorpommern auftraten, thematisiert. Dabei wurde das Geschehen aus drei Perspektiven dargestellt.
- Am Ort des Geschehens
Jörg Heusler berichtete aus der Perspektive eines Fachdienstleiters des betroffenen Landkreises Vorpommern-Rügen. Die Aufgaben seien hier die Ermittlung des Infektionsgeschehens und die Übermittlung von Informationen an verschiedene Akteure gewesen. Die Kommunikation erfolgte dabei mit Betroffenen bzw. deren Familien, den meldenden Einrichtungen (z.B. Ärzten, Krankenhäusern), den Laboren, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGuS) sowie mit den lokalen Gesundheitsämtern. Insbesondere in einer Urlaubsregion wie Vorpommern-Rügen sei das erkennen eines Infektionsgeschehens oft herausfordernd, da nicht alle relevanten Meldungen in der betroffenen Region eingehen würden, sondern teils in der Heimatregion von Urlaubern. Informationen müssten zudem an den Landrat, die Pressestelle, Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsämter, Krankenhäuser, Arztpraxen sowie das LaGuS übermittelt werden. Herr Heuslers take-home message lautete daher auch: „Kommunikation ist alles“. Dies gelte auch für die Kommunikation mit der Öffentlichkeit um Falschinformationen vorzubeugen. Zudem wies er auf Herausforderungen in der Bundesländerübergreifenden Kommunikation hin. Hier würde das RKI zwar beratend, jedoch nicht koordinierend auftretend.
- Aufklärung der Infektkette
Dr. Matthias Fischer, Leiter der Fachgruppe Lebensmittelmikrobiologie, Erreger-Wirt-Interaktionen am Bundesinstitut für Risikokommunikation (BfR), stellte das Geschehen aus Sicht des zuständigen Nationalen Referenzlabors (NRL) für Escherichia coli dar. Zu den Aufgaben des NRLs gehört die Beteiligung an der Aufklärung von Infektketten und lebensmittelbedingten Krankheitsausbrüchen. Dabei müssten verschiedene Kommunikationsebenen bedient werden: die administrative Ebene (kommunal, Länder, Bund); der ÖGD, die Lebensmittelüberwachung und andere Überwachungsbereiche; sowie die Öffentlichkeit, Verbraucher, Unternehmen, Handel und interessierte Kreise (Bsp. Betroffene). Durch die Komplexität moderner Lieferketten sei die Rückverfolgung in einem Ausbruchsgeschehen oft nur schwer möglich, wie auch in dem beschriebenen Fall. Trotz größter Bemühungen des Food-Chain-Labs, konnte die Ursache des Ausbruchs nicht identifiziert werden.
- Krisenkommunikation
Neben den Aufgaben des NRL hat das BfR auch den gesetzlichen Auftrag zur Krisenkommunikation wie Frau Dr. Suzan Fiack, Leiterin der Fachgruppe - Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am BfR, abschließend erörterte. Forschung zur Optimierung von Risiko- und Krisenkommunikation habe ergeben, dass Vertrauen eine wichtige Grundvoraussetzung sei. Dabei könnten verschiedene Faktoren Vertrauen reduzieren (z.B. widersprüchliche Informationen, Intransparenz, Nichteinhaltung von Versprechen) wohingegen Transparenz, Ehrlichkeit, Konsistenz und Beständigkeit Vertrauen verbessern/ erhalten könnten (MIRKKOMM Studie). Im konkreten Ausbruchfall konnte man sich an einem durch das BVL nach dem EHEC Ausbruch 2011 erstellten Krisenleitfaden orientieren. Dieser floss auch in die Überarbeitung der FAQs zu EHEC am BfR ein, welche das Institut als Informationsquelle zur Verfügung stellt.
Interdisziplinäre Kommunikationsnetzwerke als sinnvolles Investment
Die drei Fallbeispiele machten deutlich, wie komplex Ausbruchsgeschehen und Infektketten sein können. Daher ist oft eine interdisziplinäre Kommunikation in der Kontroll- aber auch schon vorbeugend in der Präventionsarbeit notwendig. Hierbei müssen verschiedene Kommunikationsebenen mit bedacht und einbezogen werden. Bereits bestehende interdisziplinäre Kommunikationsnetzwerke können eine hilfreiche Stütze im Krisenfall darstellen. Daher lohnt sich auch außerhalb von Krisen Investitionen in den Aufbau solcher Netzwerke.